Rhythmus in der Natur und in der Musik

  von JENS HAGEN WEGNER  



   Rhythmus macht lebendig. Nichts anderes macht lebendiger. Das mag vielleicht befremden - doch er ist das lebensspendende Element alles Organischen. Ohne Rhythmus wäre nichts. Schon ein kurzer Blick auf elementare Vorgänge in der Natur liefert uns ein unbestreitbares Zeugnis: Alle lebenden Geschöpfe empfangen ohne Unterlass vielerlei sich wiederholende Eindrücke, die von deren Umgebung ausgeübt werden und die immer wiederkehrende Verhaltensmuster aufseiten dieser Kreaturen zeitigen. Auf diese Einflüsse - zum Exempel können Finsternis, Sonnenlicht, Kälte, Wärme oder drohende Gefahren aufgeführt werden - antworten sie mit Schlaf, Regsamkeit, Veränderung des Herzschlages oder der Atmung. Nach bisherigen Erkenntnissen weist jedes Lebewesen solche Verhaltensmuster auf - sie sind lebensnotwendig. Keines fühlt sich berufen, uneinsichtig den verschiedenen Einwirkungen der Natur die gebotene Beachtung vorzuenthalten und ihnen zu trotzen. Selbst der Pflanzenwelt sind regelmäßig wiederkehrende Verhaltensweisen eigen. Es liegt in ihrer Natur, sich den natürlichen Schwankungen anzubequemen. Dieser sich wiederholende Wechsel, die ständige Wiederkehr gleicher oder ähnlicher Momente ist Rhythmus. Je nach gegebener Situation unterscheiden sich die Periodenlängen; sie sind nicht genau festgesetzt. Alles Organische kennt den Rhythmus, dem Anorganischen ist er fremd. Der Rhythmus ist der Fluss, die Veränderung, der Ausgleich - das Leben!
   Wir bedienen uns auch in der Musik dieses Begriffes. Doch - leider! - wissen nur Wenige um dessen tiefe Bedeutung. Allzu oft wird landläufig das Rhythmische mit Strenge, Genauigkeit und Takt in Verbindung gebracht. Der Takt ist das unerbittliche Schlagen, wie es uns ein Metronom eindringlich vorzuführen vermag. Mit diesem können wir eine Zeitspanne in mathematisch gleich große Teile aufspalten. Doch, so möchte ich fragen, kann ein so erbarmungsloses und rücksichtsloses Schlagen etwas Lebendiges schöpfen? Das gleichmäßige Schlagen zerteilt, zerschneidet organische Substanz, tötet sie ab. Es bewirkt die somatische Zersetzung, lässt dem Leben keinen Raum. Laufende Maschinen lassen uns ihren eisernen Takt vernehmen, aber sie leben nicht, sie arbeiten nur unermüdlich, ohne Seele, ohne Willen. Die Natur hingegen kennt den strengen, gleichmäßigen Schlag nicht, denn sie misst nicht in absoluter Zeit. Der Rhythmus verbindet Schwingungen, er lässt atmen und leben, er strebt nach Freiheit. Er ist der frische Wind, der durch die Bäume zieht und sie wiegt, oder über das Meereswasser streicht und es aufrauschen lässt. Er ist der Gegenpol zum Takt, denn er sucht nicht Stabilität, Steifheit und Berechenbarkeit, sondern Bewegungs-, Weisungsfreiheit, Wendigkeit und Tatkraft. Dass unser eigener Puls sich stetig ändert, wenn uns Freude, Traurigkeit, Angst, Zorn und dergleichen überkommen, bemerken wir alltäglich gar nicht. Doch wir würden unseren Rhythmus sehr wohl bemerken, wenn er stets gleich bliebe; er würde sich unserem Leben entgegenstemmen, würde uns einschränken, ja vielleicht sogar mit der Zeit vernichten. Takt ist die Ordnung; sie ist notwendig, doch sie darf gegenüber dem Rhythmus nicht vorwalten, sondern muss mit ihm ein harmonische Verhältnis finden.
   Die Ideale der Kunst sind nicht in der Natur zu finden - die Offenbarwerdungen dieser Ideale dagegen gleichen kleinen Schöpfungen, einem lebendigen Gebilde, einem atmenden Organismus. Die Natur kann uns also unterweisen, was Leben benötigt - und wir sind ein Teil der Natur - lernen wir also von uns selbst! Wir können Rhythmus an uns selbst erfahren, wenn wir uns beobachten. Es ist in der klassischen Musik ein Glück, dass Werke zwar in ihrer Äußerlichkeit niedergeschrieben wurden, doch Offenbarungen liegen noch im Verborgenen, sind nicht auf dem Papier zu sehen, sondern in sich selbst zu empfinden. Musik 'ist' nicht, sondern sie 'wird'. Sie muss immer wieder neu erschaffen werden. Wir bedürfen des Mitschöpfers, der die Ideen des Werkes in sich aufnehmen und nachempfinden - und sie dann in Klang gießen kann. Nur zart empfindenden Seelen ist es vergönnt, zu einem Mitschöpfer zu werden, denn das Material, welches man vor sich liegen hat, ist noch unbelebt und delikat zu behandeln.
   Jeder reagiert im Innersten anders beim Lesen auf die niedergeschrieben Äußerlichkeiten. Der Feinfühlende erlebt selbst bei jeglicher kleinster Änderung des Tonmaterials feine seelische Regungen. Diesen muss er höchste Achtsamkeit schenken, denn diese Regungen werden vom eigenen Durchleben des Werkes hervorgerufen. Soll also ein Werk in einer Aufführung von Leben durchpulst werden, muss selbst die verborgenste Anwandlung ihren Ausfluss finden. Diese selbstdurchlebte Strömung ist es, die den Rhythmus der Musik bildet. Er ist nicht an der Vergangenheit interessiert, nicht an der Zukunft, sondern an der Gegenwart. Versuchen wir dagegen, den Fluss der Musik gekünstelt umzuleiten oder sogar über unsere Regungen gänzlich hinwegzusehen, so erarbeiten wir einen unechten Rhythmus. Es ist, als zwängen wir uns selbst, nicht mehr unserer Atmung freien Lauf zu lassen, sondern sie zu kontrollieren, sie zu denaturieren und deren Perioden unter Zwang zu verändern. So können wir uns selbst schaden. Ebenso tun wir einem musikalischen Kunstwerk unverzeihliche Gewalt an, wenn wir dessen Lebensbedürfnisse aufgrund unserer Verschlossenheit nicht wahrnehmen beziehungsweise wahrhaben wollen. Wir dürfen dem Kunstwerk das Atmen nicht verweigern. Ebenso wenig dürfen wir es einer künstlichen Beatmung aussetzen. Wir müssen es atmen lassen, wie es seine Natur verlangt. Das ist der Rhythmus, der das Werk beseelen kann. Er ist ein göttliches Naturgesetz, mit dem wir vertraut sein müssen, sofern wir Lebendiges schaffen wollen. Ein metronomisches Schlagen ist ein Maßband, welches nur dazu dient, sich selbst einer Musterung zu unterziehen.
   Leider leben wir in einer Zeit, in der Imitation die Oberhand gegenüber einer eigenen Auffassung gewonnen hat. Imitation nicht nur in Bezug auf einzelne Werke, sondern des Musizierens im Großen und Ganzen. Dass Musik ab Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bis heute immer strenger und fester verankert wurde mit absoluten gleichmäßigen Zeitintervallen, bezeugen viele Tondokumente. Ich selbst sammle schon seit Jahren Aufnahmen aus längst vergangenen Zeiten. Man gewinnt dabei interessante Erkenntnisse: Das heutige Zeitverständnis in der Musik kann leicht imitiert werden, und genau deshalb wird es möglicherweise so eilfertig betrieben. Starr und mit dem Maßband absoluter Zeit vorzutragen kann sehr einfach sein. Nur wenig des ureigenen seelischen Empfindens bedarf es dessen. Unbelebtes Material entseelt liegen zu lassen, ist keine künstlerische Leistung. Hingegen ist es schwierig, ja eigentlich unmöglich, jenes Zeitverständnis, welches circa ein Jahrhundert und noch viel weiter zurückliegt, zu imitieren. Denn jeder große Künstler hatte, wie uns die historischen Aufnahmen - Gott sei Dank - dokumentieren, seinem eigenen Atem genügend Raum gegeben. Dieser kommt aus dem Innersten eines Jeden und kann nicht imitiert werden. Jeder Versuch würde zu bedeutungslosen Ergebnissen führen - oder besser: überhaupt keinen Ergebnissen - - eine Oberfläche ohne Füllung, da keine aufrichtige Empfindung das organische Innere bildet - also ein totes Produkt. Das Lebendige ist in uns und kann nur aus uns selbst entstehen. Soweit wir auch in die Vergangenheit zurückblicken, Musik war immer rhythmisch, war immer Leben. Es gibt genügend unschätzbare Dokumente, die uns davon künden. Lasst uns den Geist der alten Zeiten bewahren und nicht sterben! Hans von Bülow sagte einmal: 'Im Anfang war der Rhythmus.'
   Wollen wir uns das zu Herzen nehmen, so müssen wir unsere Aufmerksamkeit der Tatsache widmen, dass auf unseren eigenen Rhythmus mehrere Faktoren einwirken. Es erfließt uns daraus das bessere Verständnis, wie es sich beim Rhythmus in Musik verhält. Sie ist meist aus mehreren Klangebenen zusammengesetzt. In der Bestrebung der einzelnen Ebenen, einen Puls zu finden, entsteht eine Auseinandersetzung. Da jede Schicht verschieden in Beschaffenheit und Willen ist, sind diese Kontroversen sogar angemessen - und letztlich belebend. Sie suchen gemeinsam nach dem Rhythmus, der alle Teile zu einem Ganzen zusammenfügt und die Substanz mit Leben erfüllt. Und das bedeutet, dass eine Asynchronität zwischen Stimmen entsteht. Während die eine sich nach Ruhe sehnt, versucht eine andere voranzutreiben, während eine weitere sich für die Mitte der beiden entscheidet. Das betrifft nicht nur die Tastenspieler, sondern auch Sänger und Kammermusiker. Leider erstrebt man nur noch ein Miteinander, anstatt dem Gegeneinander ebenso eine Daseinsberechtigung zu verleihen. Ein Mitschöpfer muss sich lösen von gegenwärtigen Hörgewohnheiten, denn unsere Zeit bringt Meisterwerke von wunderbaren Ideen zu häufig nicht mehr in voller Größe zur Geltung. Sie schenkt den Naturvorgängen keine Beachtung mehr. Spannungen erzeugen Reibereien - selbstverständlich lässt das die Oberfläche des Tönenden nicht glatt erscheinen. Aber 'Perfektion' bezielt einen spiegelblanken überzug. Diese beraubt uns so vollkommener Möglichkeiten, Leben zu erschaffen! Die Perfektion ist für einige ein händeringend ersehntes Ziel. Doch sie ist zugleich auch Endstation. Der Rhythmus zeigt uns einen anderen Weg, der in die entgegengesetzte Direktion führt - den Weg zum wahren Ziel, zum Leben, zur Kunst.
   Der Gang zu leichter erreichbaren Zielorten, die unter der Herrschaft vom hartherzigen Takt stehen, bedeutet das Ende unserer Kunst. Wir Musiker sollten uns als Dienstleistende betrachten - im Dienst der Kunst. Wir haben uns einer hohen Aufgabe verschrieben - ein Mitschöpfer zu werden bedeutet, sich auf gleiche Sonnenhöhen wie der Ideenschöpfer zu begeben. Der Weg dorthin ist steil und unbequem. Die Aufgabe, diese hohen Gipfel zu erklimmen, war schon immer nur durch Eigenwille und Beherztheit zu bewältigen. Generationen um Generationen müssen diesen Weg gehen, um die Kunst am Leben zu erhalten. Gegenwärtig befinden wir uns in keiner beglückenden Zeit, denn wir verlieren unsere Aufrichtigkeit, haben Scheu, uns selbst als Schöpfer zu sehen, wollen lieber äußerlich ordentlich aussehen als in unserem Inneren Ehrlichkeit walten zu lassen. Unsere Aufgabe ist es, künstlerische Hervorbringungen großer Meister in uns aufzunehmen, gedeihen zu lassen und anderen von diesen in uns gereiften, herzhaften und vollen Früchten zu geben. Sodann ist unsere Schuldigkeit getan. Dazu müssen wir allerdings erst in uns selbst einen nahrhaften Boden legen, der ganz der Natur unserer Seele entspricht. Denn wir laufen seit mehreren Dezennien bereits Gefahr, dass unsere vielfältigen Auffassungen von Musik gänzlich verloren gehen, und haben letztlich nur noch gleich geformte und eintönig schmeckende Ernte-Erträge aus einem einzigen umfassenden Treibhaus anzubieten, die uns einst langweilen werden.



© 2018 Publikationen historischer Dokumente / Jens Hagen Wegner